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Ch'i-lin, die geheimnisvolle Schale

Geheimnisvolle Schale.

Größe: 76 cm x 48 cm x 31 cm - getöpfert: 20 Mai 1990

Die Motive dieser Schale stammen von einem alten, runden chinesischen Fischbecken. Dieses Fischbecken stand viele Jahre im Bonsai-Museum in Heidelberg. Paul Lesniewicz, Begründer dieses Museums, brachte die große Schale von einer seiner vielen Reisen durch China mit.

In der Zeit, in der ich dieses Museum betreute, habe ich immer wieder lange Zeit vor dieser Schale gestanden und versucht ihre Geschichte zu ergründen. Einiges ist mir gelungen, die Hauptmotivgruppe auf der Schale und deren inhaltlichen Bedeutung ist bis heute für mich ein Geheimnis geblieben.

Um die Schale für mich als Töpfer zu archivieren und deren Schwierigkeitsgrad des Töpferns zu verstehen, habe ich versucht sie nachzubauen. Die Originalgröße der Schale war schon das erste Handicap, unmöglich für einen Privattöpfer eine 80 cm bis 90 cm im Durchmesser große Schale in den Brennofen zu stellen.

Ich habe mir die Freiheit herausgenommen und eine Form ausgewählt, die gerade noch so in meinen Ofen passte. Eine ovale Form, deren Maße im Nasszustand immerhin noch stolze 84 cm x 53 cm x 34 cm betrugen. Getöpfert habe ich sie dann im Mai 1990. Die Größe der Schale nach dem Brand betrug dann noch 76 cm x 48 cm x 31 cm - Gewicht: 18,5 Kg

Alle Motive auf der Schale stammen aus der Geschichte Chinas. Diese sich über mehrere Jahrtausend hinweg entwickelten Motive werden auch bis heute noch aktuell auf der Keramik dieses Landes dekoriert.

Den symbolischen Sinn des Hauptmotives, eine Gruppe von fünf Personen, konnte ich bis heute noch nicht entschleiern. Vier Personen, eine sitzend, wenden sich einer Person zu, die aussieht wie ein Krieger mit einem Speer.

Die anderen Motive waren leichter zu entschlüsseln. Da ist zum einen der Weidenbaum Die Weide ist ein hochgeschätztes Symbol des Frühlings. Unzählige Malereien zeigen Personen unter einem Weidenbaum. Die Taille einer schönen Frau wird mit dem Weidenbaum verglichen, ihre Augen mit der Form und dem Schwung des Weidenblattes. Auch war es im alten China Brauch, dass man zum Abschied eines Scheidenden eine Weidenrute abbrach und ihm auf den Weg mitgab.

Um die Weide herum fliegt eine Fledermaus, ein Symbol für Glück .

Hier ein "Schalen-Griff" in Form eines Fledermauskopfes, mit innen einem eingravierten Glückssymbol. Hier stehen beide für doppeltes Glück.

Unter dem rechten Baum ist ein Fabelwesen aufmodelliert, ein "Ch'i-lin"

So benenne ich auch meine geheimnisvolle Schale "Ch'i-lin-Schale"

Es gibt sehr viele Darstellungen von diesem Wesen, es wird mit einem, zwei oder sogar drei Hörnern dargestellt. Es hat den Körper eines Hirsches, den Schwanz eines Rindes, die Schuppen eines Fisches. Mit dem Drachen, dem Phönix und der Schildkröte zusammen gehört es zu den vier Wundertieren. Es gibt auch unzählige Bedeutungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können.

Auf der hier gezeigten Schale ist es, wie auch die Fledermaus, sehr verniedlicht dargestellt, symbolisch steht es hier für Ruhe, Frieden und Segen. Im Maul trägt es ein "Ling-chih" Kraut. Dieses Kraut hat eine Zauberwirkung und wird auch "Unsterblichkeitsdroge" genannt. Im Maul eines "Ch'i-lin" dargestellt hat es eine doppelte symbolische Bedeutung und steht hier für die Langlebigkeit.

Möge es dieser Schale Glück bringen.

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Hier noch einmal zum besseren Verständnis, wie oben im letzten Artikel beschrieben, zwei alte Keramikbecken aus China.


Es handelt sich hier um Wasserpflanzen-Schalen für Wasserlilien, Seerosen, Lotos, Schilf oder sonstige Wassergräser. Sie sind auch von innen glasiert, und am Bodengrund haben sie ein winziges Abzugsloch, das mit Wachs oder korkähnlichem Werkstoff verschlossen wurde und zum Ablaufen des Wassers (wassergefüllt sind diese Schalen sehr schwer) wieder geöffnet werden konnte. Um ein Überlaufen des Wassers zu vermeiden, wurden ca. 3cm bis 5 cm unter dem oberen Rand auch Abzugslöcher angebracht. Ich nehme an, dass diese Schalen von nicht so reichen Chinesen auch als Fischbecken benutzt wurden. Die Funktion der oberen Abzugslöcher bestand wahrscheinlich darin, dass bei Dauerregen das Wasser nicht über den oberen Rand abfloss und damit die kostbaren Fische in Gefahr brachte. (Reichere Chinesen besaßen Fischbecken aus dem kostbaren Porzellan. Der Vorteil eines Porzellanbeckens war, dass es innen zur besseren Fischbeobachtung hell glasiert war.) Um den oberen Rand der Schalen zieht sich ein Mäanderband aus dem Donnersymbol. Auch hier wieder Figuren und Pflanzen aus der Symbolwelt der chinesischen Kultur. Auf der rechten Seite der Schalen noch gut sichtbare Griffköpfe, die außer der symbolischen auch eine ganz praktische Funktion haben. Griffköpfe wurden besonders stark aufmodelliert, damit die Finger beim Tragen der Schale besser Halt finden konnten. Sie sind fast nur auf größeren Schalen zu finden. Diese hier sind das Abbild eines Löwenkopfes mit schon fast menschlichen Zügen, einen Ring im Maul tragend (Symbol für das Dauernde, Ewige, Zurückkehrende), in dem wiederum das Symbol für Glück und Langlebigkeit zu finden ist. Die Schalen sind ca. 80 bis 100 Jahre alt, und stammen aus der Provinz Canton (China)

Fotos und Schalen: Pius Notter